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Leben ab 60

Ich habe keine Bucket List. Ich habe eine F***-it Liste.

von Anna & Lara · 2025-04-23T13:33:15.982142+00:00

Eine Frau in Jeans und beigem Hemd steht entspannt auf einem Balkon mit vielen Pflanzen und trinkt eine Tasse Tee

Ich will nicht mehr nachholen – ich will loslassen. Über Schuhe, Gespräche, Erwartungen und das gute Gefühl, endlich zu sich zu stehen.

Ich muss nicht mehr – und will auch nicht

Ich muss zugeben: Ich hab's versucht. Diese Sache mit der Bucket List.
„Noch einmal nach Japan!", „Paragliden in Südtirol!", „Ein Buch schreiben!" – klingt alles wunderbar.
Aber wenn ich ehrlich bin: Es stresst mich.

Dieses Gefühl, dass ich aus meinem Leben noch einen Hollywood-Film machen muss, weil irgendjemand irgendwo mal gesagt hat, dass man mit 60 endlich alles nachholen soll.

Ich will nicht nachholen. Ich will loslassen.

Und deshalb habe ich sie geschrieben: meine F*-it-Liste.

Was auf meiner F*-it-Liste steht

Darauf steht zum Beispiel: Nie wieder hohe Schuhe tragen, nur weil sie schick sind.
Ich bin 64. Ich habe Füße, keine Dekorationen. Und wenn jemand was gegen bequeme Sneakers zum Kleid hat – bitte.
Dann soll er selbst auf den Absätzen durchs Leben wackeln. Mehr zu weniger wollen.

Keine Einladungen mehr, auf die ich schon beim Lesen keine Lust habe.
Geburtstagsfeiern von Leuten, die ich nur aus der Krabbelgruppe von 1987 kenne? Nein danke.
Wenn ich hingehe, dann mit Freude. Nicht mit Fluchtgedanken.

Smalltalk mit Menschen, bei denen ich innerlich nach zehn Sekunden auf Durchzug schalte.
Ich bin nicht unfreundlich. Ich bin nur endlich ehrlich.
Und manchmal ist die beste Art, nett zu sein: gar nicht erst anfangen.

Kleine, große Klarheiten

Diese Liste ist kein Manifest der Wut.
Sie ist ein Bekenntnis zur Klarheit.
Zur Selbstachtung.
Zum Nein, das mir erlaubt, Ja zu sagen – zu dem, was mir wirklich gut tut.

Ich habe zu oft Ja gesagt, um nicht zu wissen, wie befreiend ein Nein sein kann.

Ich habe Verabredungen zugesagt, die ich nie wollte.
Gespräche geführt, bei denen ich innerlich beim zweiten Satz schon weg war.
Ich habe zugestimmt, obwohl ich längst gegangen war.
Ich habe gelächelt, obwohl ich innerlich längst den Kopf geschüttelt hatte.

Warum?
Weil ich dachte, das gehört sich so.
Weil ich dachte, man müsste funktionieren.
Weil ich dachte, man darf andere nicht vor den Kopf stoßen. Mehr zu ohne Druck.

Aber weißt du was?
Man darf. Und manchmal muss man sogar.

Was ich heute statt Druck empfinde

Heute ist mein Kalender leerer – und mein Herz voller.
Ich bin öfter zu Hause – und öfter bei mir.
Ich sitze morgens länger beim Kaffee.
Ich sage Sätze wie: „Danke, aber nein."
Ich trage mehr Leinen als Lycra.
Ich trage mehr mich.

Meine F*-it-Liste wächst.
Und das ist kein Zeichen von Trotz, sondern von Freiheit.
Kein Aufgeben. Sondern ein Aufatmen.

Was noch draufsteht

Und was stattdessen passiert

Ich brauche keine To-Do-Liste fürs Leben mehr.
Ich brauche eine Don't-Do-Liste für mein Wohlgefühl. Mehr zu was man nicht mehr will.

Denn weißt du, was am Ende bleibt?

Nicht, was du alles erlebt hast.
Sondern: wie viel davon wirklich deins war.

Und das Beste?

Ich vermisse nichts.

Wirkliche Momente statt falscher Erwartungen

Keine Empfänge mit Häppchen, bei denen man nicht weiß, wohin mit den Händen.
Keine Gruppenurlaube mit Fremden in Busfahrten durch Toskana-Klischees.
Kein „Du musst mal …" von Leuten, die sich selbst nie zuhören.

Stattdessen finde ich mich in Momenten wieder, die ich früher übersehen hätte:

Diese Liste hat kein Ende.
Aber sie hat Richtung.

Und jedes Mal, wenn ich etwas streiche, kommt mir ein Stück Luft zurück.
Ein bisschen Zeit. Ein bisschen Selbst.

Ich weiß, das klingt vielleicht unspektakulär.
Keine großen Reisen. Kein Paragliden. Kein Fallschirmsprung.

Aber dafür das:

Ich springe nicht mehr, weil andere „Hü!" rufen.
Ich bleibe stehen, weil ich will.
Mehr zu ohne Optimierungsdruck.

Und das ist vielleicht die größte Freiheit von allen.

Was ich stattdessen tue – und warum das reicht

Ich weiß noch, wie's angefangen hat. Dieses leise Gefühl:
Ich will nicht mehr nur Dinge weglassen.
Ich will etwas anderes in mein Leben holen.

Etwas, das nicht auf Instagram gut aussieht.
Etwas, das keiner in seine Erfolgsstrategie schreibt.
Etwas, das nicht glitzert, aber leuchtet. Mehr zu ehrliche Gespräche.

Ich meine: das Echte.
Nicht das laute Leben. Sondern das meine.

Also habe ich angefangen, das zu tun, was mir früher oft „zu wenig" erschien.
Zu still, zu unspektakulär, zu... belanglos.

Und siehe da:
Es war genau richtig.

Ich antworte auf Nachrichten nicht sofort – sondern dann, wenn ich wirklich was sagen will.
Ich ziehe Kleidung an, die sich anfühlt wie ich. Nicht wie ein Kompromiss.
Ich lasse Gespräche enden, wenn sie müde machen.

Und weißt du was?

Das ist kein Rückzug. Das ist Präsenz.

Ich bin nicht weniger – ich bin näher bei mir.

Kein „Nein" ohne „Ja"

Wenn ich heute Nein sage, dann nicht aus Trotz.
Sondern weil ich Platz mache. Mehr zu ehrliche Gespräche.

Für ein echtes Ja.

Früher war ich dauernd unterwegs.
Heute bin ich öfter da.
Bei mir. Und bei den Menschen, die mich wirklich erreichen.

Ich muss mich nicht mehr erklären.
Ich muss nichts beweisen.
Ich muss nur ehrlich sein – zu mir selbst.

Das ist unbequem.
Aber es ist auch wunderschön.

Denn ich entdecke Seiten an mir, die ich lange weggeschoben habe.
Nicht, weil sie falsch waren –
sondern weil ich dachte, sie passen nicht ins Bild.

Aber ich bin kein Bild.
Ich bin ein Mensch.
Und ich darf eckig sein.

Das Leben ist kein Projekt. Es ist ein Zustand.

Ich mache mir keinen Plan mehr fürs Wochenende, der aussieht wie ein Stundenplan.
Ich google keine Tipps für „glücklich in 10 Schritten".
Ich folge keinen Trends, die mir versprechen, dass ich mit 60 nochmal 40 sein kann.

Warum sollte ich das wollen?

Ich bin 64.
Ich bin nicht mehr alles – aber endlich ganz.

Und das fühlt sich nicht wie Verzicht an.
Das fühlt sich wie Luft holen an.
Wie ein Rücken, der sich aufrichtet.
Wie ein Herz, das langsamer schlägt – aber tiefer.

Statt Erwartungen: Begegnungen

Früher bin ich oft irgendwo hingegangen, weil ich dachte: Man muss.
Heute gehe ich dorthin, wo ich sein will.
Nicht, wo ich „hin soll". Mehr zu neue Menschen kennenlernen.

Und manchmal ist das einfach: nirgendwo.

Ein Nachmittag allein, mit Tee und einem guten Buch.
Ein Telefonat, das nicht effizient ist, aber ehrlich.
Ein Gespräch, bei dem jemand sagt: „Ich auch."
Und man spürt:
Da ist Nähe. Kein Lärm, kein Liken. Echte Nähe.

Das ist das, was bleibt.

Nicht der Applaus.
Nicht die Bestätigung.
Nicht das Foto vom Gipfel.

Sondern:

Genug ist genug – und manchmal mehr als alles

Es hat gedauert, bis ich mich getraut habe, das laut zu sagen:
Ich bin genug.

Nicht im Sinne von: Ich gebe auf.
Sondern im Sinne von: Ich höre auf, mich zu jagen.

Ich war lange gut im Funktionieren.
Im Kümmern. Im Leisten. Im „Ja klar, ich mach das".
Ich war da – für andere. Für Termine. Für Erwartungen.

Aber oft nicht für mich.

Dann kam dieser leise Moment.
Nichts Dramatisches, kein großer Knall.
Ein Nachmittag, grauer Himmel, ein Tee in der Hand.
Und plötzlich war dieser Gedanke da:

Vielleicht muss ich gar nicht mehr werden. Vielleicht

Aber ich vergesse sie auch. Und das ist okay.

Ich brauche keine Bucket List mehr.

Ich habe eine F*ck-it-Liste.

Und die wird jeden Tag ein bisschen länger.


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