Freizeit
Die Invasion der Erlebniskultur
von Birgit Zober · 2026-09-17T13:40:17.155+00:00
Einkaufen soll heute am besten gleich ein Erlebnis sein. Birgit Zober kann darauf gut verzichten. Sie erzählt, warum sie lieber bewusst, regional und manchmal online einkauft – und wo sie die Erlebnisse sucht, die wirklich zählen.
Einkaufserlebnis, Erlebnis-Gastronomie – was ist das alles für ein neumodischer Blödsinn? Dieser Wahn vom Einkaufserlebnis ist doch irre und hat mit stressfreiem Einkaufen so gar nichts zu tun. Ich gehe einkaufen, weil ich etwas brauche. Wenn ich etwas erleben will, mache ich einen Spaziergang am Meer. Oder treffe mich mit Freunden. Oder trimme meinen Terrier, das ist auch ein echtes Erlebnis!Die Verknüpfung von Erlebnis und Einkaufen ist eine reine Erfindung von Marketingleuten, um den Verkauf in einer Gesellschaft zu steigern, die schon alles hat! Außerdem empfinde ich es als reinen Horror, an einem Samstag in einem großen Supermarkt im Gewerbegebiet oder sonst wo einkaufen zu gehen. Lauter drängelnde, hektische und schlecht gelaunte Menschen zu treffen, aus 47 verschiedenen Waschmitteln ein passendes herauszufinden oder vor 15,5 Meter Kühlregal zu stehen und ein Päckchen Hefe zu suchen. Da reißt auch der Coffee-Shop am Eingang nichts mehr raus! Das kann mir niemand als Einkaufserlebnis oder gar stressfreies Einkaufen schönreden! Oder sollte ich gar meinen Samstagnachmittag damit zubringen, auf der Zeil in Frankfurt oder einer ebenso beliebig gestalteten anderen deutschen Einkaufszone mich durch die Menschenmassen zu wühlen? Das sind Erlebnisse, die ich ganz und gar nicht will. Aber ich habe einen einfachen Ausweg: Entweder Erlebnis ODER Einkauf.
Wie ich das Einkaufen entspannt und stressfrei gestalte, lest ihr jetzt.
Geschäft oder Internet – ist das eine Gretchenfrage?
Früher ist man einfach in das nächste Geschäft um die Ecke marschiert und hat gekauft, was man brauchte. Einkaufen war noch stressfrei und niemand wäre auf die Idee gekommen, die Beschaffung von Dingen als Erlebnis darzustellen. Zum nächsten Möbelhaus waren das dann vielleicht auch mal ein paar Kilometer mehr, aber die meisten Möbel kaufte man eh nur über Jahrzehnte hinweg neu.
Ganz innovativ war es in meiner Elterngeneration, wenn man sich einige Dinge über den Quelle- oder Neckermann-Katalog bestellte. Diese Kataloge erschienen zweimal im Jahr und waren gefühlt mehrere kg schwer und mehr als 1.000 Seiten dick, aus ganz dünnem Papier. Ich fand es als Jugendliche immer sehr spannend, welche (heute harmlosen!!!) Sexspielzeuge dort im letzten Drittel als Hygieneartikel getarnt gezeigt wurden...
Unterscheidungen zwischen konventionell und biologisch erzeugten Produkten kannte man in den 80er Jahren eh noch gar nicht. Heute ist die Welt da sehr viel komplexer geworden und manchmal ist es wie mit dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. Mein Weg durch den Wald geht wie folgt:
Erster Punkt: Was für ein Produkt brauche ich?
Wenn ich das für mich weiß, finde ich heraus, ob ich solch ein Produkt lokal oder regional persönlich kaufen kann.Wird diese Frage mit Ja beantwortet, gibt es vielleicht noch Unterschiede, WO ich dieses Produkt angeboten bekomme, z. B. Biomilch im Hofladen oder im Supermarkt. Warum würde ich den Hofladen dem Supermarkt vorziehen? Die Milch ist u. U. absolut die gleiche. Für mich ist der Hofladen die bessere Alternative, weil ich so sicherer sein kann, dass die Erzeuger der Milch einen Preis erhalten, der ihnen ein faires Einkommen für ihre Arbeit sichert.
Oft ist es aber mittlerweile auch der Fall, dass ein Produkt regional gar nicht angeboten wird. Dann bestelle ich es online. Aber auch hier achte ich darauf, dass ich das Produkt entweder beim Hersteller direkt bestelle (z. B. bei Mannomama), es secondhand (z. B. Medimops oder backmarket) kaufe oder über eine Anbieterplattform für ökologische Produkte (z.B. Avocadostore oder grundstoff.net) bestelle. Bei Amazon bestelle ich tatsächlich nur, wenn ich das Produkt sonst gar nicht bekommen würde!
Außerdem seien wir doch mal ehrlich: Oft bekommen wir das, was wir WIRKLICH brauchen, auch im kleinen Hofladen um die Ecke oder auf dem Wochenmarkt. Und da kaufen wir dann nicht von Tchibo zusätzlich noch die 12. Tischdecke und den Strampler für das Enkelkind, das eh schon alles hat. Außerdem gibt es im Hofladen meist noch einem kleinen Klönschnack statt des herbeigeredeten Einkaufserlebnisses
Ich gestehe allerdings auch freimütig, dass Schnäppchenjagen genauso wenig zu meinen Hobbys gehört wie Marathon laufen oder Paintball spielen. Ich gebe mein Geld für gute und umweltbewusste Produkte gern aus, weil sie es mir einfach WERT SIND! Dafür verzichte ich ganz freiwillig auf andere Dinge, z. B. das neueste Handy-Modell, neue Möbel oder einen TV-Screen von der Größe einer Kinoleinwand.
Und wenn ich was erleben möchte, kann ich hier zu Boomer gehen und neue Menschen kennenlernen. Das. ist mehr Erlebnis als jeder Einkauf!
© Birgit Zober 2026
© Birgit Zober 2026
Text und Foto: Birgit Zober