Leben ab 60
Manchmal denke ich: Jetzt noch mal Paris. Und manchmal: Jetzt reicht auch Balkonien.
von Anna & Lara · 2025-04-30T10:20:15+00:00
Ich muss nicht weg, um bei mir anzukommen. Über das Glück im Kleinen und warum manchmal Balkonien reicht.
Der Paris-Moment
Manchmal überkommt mich dieser Gedanke:
Jetzt noch mal Paris.
Ein kleiner Satz, der alles ist – Sehnsucht, Erinnerung, Wunsch, Wehmut. Nicht nach der Stadt vielleicht. Sondern nach dem Gefühl.
Dieses Gefühl von damals. Als man losfuhr, ohne Plan. Als die Schuhe unbequem waren und das Herz leicht. Als ein Croissant auf einer Parkbank schon ein Erlebnis war.
Ich denke an Cafés mit klappernden Tassen
An Straßenecken mit blinden Fenstern. An dieses Gefühl, fremd zu sein und trotzdem frei. An Abende mit Wein in kleinen Gläsern und Gespräche, die nie ganz zu Ende gingen. Mehr zu nicht mehr müssen.
Ich denke an einen Mann mit einer Zeitung unter dem Arm, an ein Lächeln, das nicht lange blieb, aber lang genug, um zu wirken.
Ich denke: Jetzt noch mal Paris. Nicht, weil es fehlt – sondern weil ich wissen will, ob ich es noch kann.
Und dann merke ich: Ich bin nicht mehr dieselbe
Ich würde andere Wege gehen heute. Langsamer. Aufmerksamer. Ich würde mich nicht mehr treiben lassen – ich würde bleiben.
Ich würde in einer Bäckerei stehen bleiben, nicht weil der Guide es empfiehlt, sondern weil der Duft mich an meine Kindheit erinnert. Mehr zu da sein reicht.
Ich würde mehr sitzen. Mehr schauen. Weniger Fotos machen. Mehr nach innen hören.
Und vielleicht will ich gar nicht zurück. Vielleicht will ich nur spüren, dass ich damals lebendig war – und heute noch immer bin. Mehr zu nicht mehr müssen.
Reise nach innen
Ich sitze auf meinem Balkon. Keine Stadtkarte. Kein Museum. Kein Flugplan. Nur ich, ein Glas Wasser mit Minze, ein paar Vogelstimmen und das leise Surren vom Nachbarsrasenmäher.
Und plötzlich denke ich:
Ich bin unterwegs.
Es gibt Reisen, die keinen Ort brauchen
Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass Bewegung nicht nur im Außen passiert. Dass man auch in sich selbst neue Gegenden entdecken kann.
Gedanken, die man früher weggeschoben hat. Träume, die plötzlich wieder da sind. Erinnerungen, die still auf einen warten, wenn es ruhig wird.
Ich nenne das: Balkonien. Nicht als Notlösung – sondern als Einladung.
Kein Koffer. Keine Sicherheitskontrolle. Nur Zeit. Und Bereitschaft, zu gucken, was da ist. Mehr zu wo man ist, reicht.
Ich habe auf Parkbänken mehr gelernt als in Museen
Ich war früher viel unterwegs. Ich mochte Flughäfen, das Geräusch von Rollkoffern, fremde Sprachen auf Bahnhöfen. Mehr zu gute Gespräche.
Heute mag ich das Klicken meiner Balkonstuhllehne. Die Geräusche vom Innenhof. Den Moment, wenn ich das Gesicht in die Sonne halte – ganz ohne Sonnenziel.
Ich reise anders. Kleiner. Näher. Und irgendwie: echter.
Ich muss nicht weg, um bei mir anzukommen
Früher dachte ich: Wer nicht rauskommt, verpasst das Leben. Heute denke ich: Wer nie innehält, verpasst sich selbst.
Ich entdecke Orte, die keine Adresse haben – sondern ein Gefühl.
Die eine Bank am See, wo man den Tag ziehen lassen kann. Der Sitzplatz am Fenster im Lieblingscafé. Das Gartentor, das leise quietscht, wenn ich spät nach Hause komme. Mehr zu gute Gespräche.
Ich bin angekommen – und offen
Es geht nicht um entweder oder. Nicht um Paris oder Balkonien. Es geht um die Freiheit zu sagen: Ich darf beides wollen. Und beides lassen.
Manchmal reicht ein gutes Brot, ein gutes Buch, ein gutes Gespräch. Und manchmal braucht es Meer. Oder Kunst. Oder eine neue Sprache um mich herum.
Und ich muss mich nicht entscheiden. Nicht festlegen. Ich darf sagen: Heute nicht.
Und morgen: Vielleicht doch.
Ich reise nicht mehr, um etwas zu beweisen
Ich muss keine Listen abhaken. Keine Orte sammeln. Keine Fotos machen, um zu zeigen: Ich war da.
Ich war da. Wenn ich wirklich da war. Und das ist oft nicht an Flughäfen passiert – sondern in Momenten der echten Begegnung. Mit Menschen. Mit mir. Mit einem Gefühl.
Ich reise, wenn ich will. Und bleibe, wenn ich will.
Ich kenne mein Fernweh. Es hat eine sanfte Stimme. Es sagt nicht: „Du musst raus.“
Es fragt: „Willst du los?“
Und ich höre hin. Manchmal antworte ich mit einem Koffer. Manchmal mit einem Cafébesuch am Ende der Straße. Und manchmal: mit Stille.
Ich bin angekommen – nicht geparkt
Ich bin nicht stehen geblieben. Ich bin nur nicht mehr auf der Flucht.
Ich renne nicht mehr der Welt hinterher. Ich gehe ihr entgegen – wenn ich will. In meinem Tempo. Mit meiner Landkarte.
Und manchmal ist darauf nur ein Wort: Hier.
Ich reise nicht, um jemand zu sein. Ich reise, weil ich schon jemand bin. Und manchmal reicht Balkonien.