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Leben ab 60

Ich liebe mein Alter. Nur nicht jeden Tag.

von Anna & Lara · 2025-04-23T12:19:19.382801+00:00

Zwei Personen unterhalten sich entspannt bei einer Tasse Kaffee in einem Café, symbolisieren Gelassenheit und Verbundenheit

Nicht jeder Tag ist ein Geschenk – manche sind Dienstag. Über Stimmung, Selbstakzeptanz und das große Ja zum kleinen Nein.

Die Hose zwickt. Die Laune auch. Na und?

Manchmal wache ich auf, sehe mein Spiegelbild – und denke:
Na immerhin ehrlich.

Nicht wach, nicht frisch, nicht besonders charmant. Aber: Ich.
Und das ist ja schon mal was.

Manche Tage fangen genau so an.
Nicht tragisch. Nicht dramatisch.
Aber auch nicht unbedingt: Oh, wie wunderbar, älter zu werden!

Die Haare stehen komisch, die Jeans kneift, das Knie meldet sich beim Aufstehen –
und in der Zeitung steht wieder irgendein 38-Jähriger, der mit Ayurveda und Aktien reich, fit und erleuchtet geworden ist. Mehr zu Gespräche auf Augenhöhe.

An solchen Tagen liebe ich mein Alter nicht besonders.
Ich toleriere es. Mit milder Ironie. Manchmal auch mit einem leisen Fluch.

Früher war ich morgens schneller

Früher bin ich aufgewacht, in die Dusche gehüpft, Kaffee, Lippenstift, Schuhe – raus.
Heute denke ich nach dem Aufwachen manchmal: Och nö.

Nicht weil ich alt bin.
Sondern weil ich das Tempo nicht mehr mag.
Diese Welt, die ständig rennt, immer weiter, immer höher, immer lauter.
Manchmal will ich einfach nur atmen. Und das dauert.

Ich liebe mein Alter, weil ich nicht mehr überall dabei sein muss.
Aber manchmal vermisse ich es, ohne Rückenschmerzen einfach die Treppen zu nehmen.
Ich liebe, dass ich nicht mehr jedem gefallen muss.
Aber manchmal hätte ich gern wieder dieses Gefühl, einfach selbstverständlich hübsch zu sein
ohne nachzudenken, was der Hals gerade macht.

Stimmung ist wie Wetter

Es gibt Tage, da fließt alles:
Ich mag mich, ich mag den Tag, ich mag sogar die Nachrichten.
Und dann gibt’s diese anderen Tage.

Da hab ich keine Lust auf mich selbst.
Da nervt mich meine Stimme. Mein Blick. Mein Kalender.
Da frage ich mich: War das jetzt alles? Oder kommt noch was?
Und was, wenn nicht?

Ich nenne sie meine Dienstage.
Nicht schlimm genug für Drama. Nicht gut genug für Euphorie.
Einfach diese Tage, an denen alles ein bisschen zu eng sitzt –
die Hosen, die Gedanken, die Welt.

Und weißt du was?
Ich habe gelernt: Das ist okay.

Die Kunst des „Nicht gut drauf seins“

Früher dachte ich, ich müsste immer gut drauf sein.
Gerade als Frau.
Lächeln, strahlen, charmant sein.
Auf Fragen wie „Wie geht’s dir?“ ein automatisiertes „Gut!“
Auch wenn innen drin alles auf Sparflamme läuft. Mehr zu einfach da sein.

Heute sage ich öfter: „Nicht so.“
Oder: „Geht schon.“
Oder einfach gar nichts – und lächle müde.

Ich zwinge mich nicht mehr zur guten Laune.
Ich nehme sie dankend, wenn sie kommt –
aber ich jage ihr nicht hinterher.

Denn ich weiß: Sie kommt wieder. Meistens schneller, wenn man ihr nicht im Weg steht. Mehr zu Gespräche auf Augenhöhe.

Und trotzdem: Ich mag mich

Auch an diesen Tagen, an denen alles etwas schief hängt.
Auch wenn ich grummelig bin, empfindlich, gereizt.
Auch wenn ich einen halben Tag brauche, um mich für ein Telefonat zu motivieren.

Ich mag mich.
Nicht jeden Moment. Aber als Ganzes.

Denn ich weiß: Das gehört dazu.
Diese Dellen im Gefühl. Diese kleinen, leisen Verweigerungen.
Das ist nicht Schwäche. Das ist menschlich.

Und vielleicht ist das die größte Freiheit mit 60+:
Nicht mehr so tun zu müssen, als wär man ständig souverän.

Die Stimmung pflegen wie einen alten Garten

Manchmal reicht ein Tee. Oder eine andere Playlist.
Manchmal hilft ein Spaziergang oder ein warmes Telefonat.
Und manchmal braucht es einfach nur Zeit.

Die eigene Stimmung ist wie ein Garten:
Manche Tage blüht’s von selbst.
An anderen reicht es, das Unkraut nicht zu gießen.

Ich lerne, nicht alles in mir zu bewerten.
Nicht jeder Tag muss glänzen.
Manche dürfen einfach sein.

Wenn ich mich selbst nicht mag – bleib ich trotzdem bei mir

Es gibt diese Tage –
nicht dramatisch, nicht katastrophal.
Einfach: daneben.

Tage, an denen der Spiegel nicht lügt, aber trotzdem gemein wirkt.
Tage, an denen meine Stimme mich nervt, mein Körper sperrig wirkt und meine Gedanken klingen wie: Muss das jetzt sein?

Früher hätte ich versucht, mich da rauszuzwingen.
Heute bleib ich drin. Nicht resigniert – sondern mit einer gewissen Zärtlichkeit für mich selbst. Mehr zu Verbindungen.

Die Lücke zwischen Selbstliebe und Realität

Wir reden viel von Selbstliebe.
Aber ehrlich: An manchen Tagen ist das weit weg.
Da ist es schon ein Akt der Selbstachtung, nicht gleich loszunörgeln.

Ich liebe mich nicht immer.
Aber ich höre auf, mich schlecht zu behandeln, wenn ich’s nicht tue. Mehr zu einfach da sein.

Das ist kein romantisches Instagram-Zitat.
Das ist eine Fähigkeit, die mit 60+ plötzlich Gewicht bekommt.
Weil man merkt:
Ich bin nicht verpflichtet, mich jeden Tag toll zu finden – nur, um mir treu zu bleiben.

Keine Pflicht zur guten Laune

Ich will nicht die Version von mir sein, die immer gelassen, immer humorvoll, immer weise ist.
Ich will echt sein.
Und echt heißt:
Manchmal bin ich unausstehlich – auch für mich.

Ich habe Tage, da rege ich mich über alles auf.
Über Socken auf dem Boden. Über das Wetter. Über mich selbst.

Und weißt du was?

Früher hätte ich mich geschämt.
Heute sage ich: Aha. Du bist also heute wieder empfindlich. Gut zu wissen.
Und dann mache ich mir einen Tee. Und halte mich aus.
Wie eine gute Freundin, die nicht geht, nur weil du nervst.

Kleine Rettungsanker – keine großen Lösungen

Was hilft, wenn ich mich nicht mag?

Ich muss nichts optimieren. Ich muss nur da bleiben.

Manchmal bin ich müde vom Dasein.
Dann tue ich nichts Großes. Ich tue nur das Nächstmilde.

Selbstrespekt statt Selbstoptimierung

Ich will mich nicht immer verbessern.
Ich will mich manchmal einfach in Ruhe lassen.

Das ist für mich das neue Selbstwertgefühl:
Nicht nur zu wissen, was ich wert bin –
sondern auch, was ich mir nicht mehr antue.

Ich bin nicht mein Spiegelbild. Nicht meine Produktivität. Nicht meine Stimmung.

Ich bin die, die bleibt.
Die sich nicht kleinmacht, auch wenn sie gerade nicht glänzt.
Die sich nicht erklärt, auch wenn sie gerade nicht verstanden wird. Mehr zu Verbindungen ohne Erwartung.

Ich liebe mein Alter nicht jeden Tag.
Aber ich liebe, dass ich heute so mit mir umgehen kann.

Nicht perfekt. Aber echt.
Nicht immer gelassen. Aber da.
Nicht immer schön. Aber würdevoll.

Genug ist kein Rückzug – es ist eine Richtung

Ich habe früher geglaubt, dass „Genug“ ein Kompromiss ist.
Ein Einsehen. Ein „Na gut, mehr wird’s eben nicht.“

Heute weiß ich:
Genug ist keine Grenze. Es ist ein Zuhause.

Ich muss nicht mehr die Beste sein. Die Schnellste. Die Spannendste.
Ich will nicht mehr beeindrucken. Ich will berühren.
Und ich will dabei nicht untergehen.

Was mir heute reicht? Viel mehr als früher.

Ich renne nicht mehr los, wenn jemand ruft.
Ich bleibe, wenn ich mich da fühle, wo ich sein will.

Und manchmal heißt das: allein sein.
Nicht einsam. Nicht ausgeschlossen.
Einfach: bei mir.

Nähe darf leise sein

Früher dachte ich, Nähe müsse intensiv sein. Aufregend. Spürbar.
Heute glaube ich: Nähe ist, wenn jemand bleibt, auch wenn nichts passiert.

Ich brauche keine Dramen mehr, um mich lebendig zu fühlen.
Ich brauche keine neuen Kontakte im Sekundentakt.
Ich brauche ein Gesicht, das ich kenne – und das mich erkennt.

Manchmal ist Nähe:
Zwei Menschen auf einem Sofa, die dasselbe Buch lesen.
Oder einfach:
Ein Blick. Ein Nicken. Ein gemeinsames Schweigen.

Rückzug ist kein Verlust

Ich ziehe mich zurück – nicht aus Angst, sondern aus Wahl.
Ich will nicht alles mitbekommen.
Nicht jeden Trend. Nicht jede Meinung. Nicht jedes Drama.

Ich bin nicht abgemeldet vom Leben.
Ich bin nur auf Empfang für das, was mir wirklich gut tut.

Und manchmal ist das einfach: Stille.

Ich lache heute anders – aber nicht weniger

Früher habe ich viel gelacht, um zu gefallen.
Heute lache ich, wenn es mich trifft. Wenn ich mich erkenne. Wenn etwas so wahr ist, dass ich grinsen muss.

Es ist ein anderes Lachen. Tiefer.
Nicht lauter – aber ehrlicher.
Kein Show-Lachen. Kein Höflichkeitslächeln.
Sondern ein Lachen aus dem Bauch, das sagt:
Ja. Ich bin noch da. Und ich bin da, wie ich will.

Und morgen?

Morgen kann ein Dienstag sein.
Oder ein goldener Samstag. Oder ein verhangener Donnerstag, an dem ich lieber nicht rausgehe. Was auch immer kommt – ich komm mit.<

Mein Alter ist kein Problem.

Es ist meine Gegenwart.

Und manchmal ist Gegenwart schwer.

Aber sie ist meins.


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